Ein CEO-Wechsel verändert die Führung. Aber verändert er auch das Unternehmen?

Warum Interim Leadership weit mehr sein muss als die Überbrückung einer Vakanz.
Der überraschende Führungswechsel bei Lindt & Sprüngli wirft eine grundsätzliche Frage auf, die weit über den Schweizer Schokoladenhersteller hinausgeht: Was muss eigentlich geschehen, wenn ein Verwaltungsrat zum Schluss kommt, dass ein Unternehmen neue operative Führung benötigt?
Nach zwei gesenkten Umsatzprognosen hat Lindt & Sprüngli seinen CEO abgelöst. Der frühere Konzernchef und heutige Verwaltungsratsvizepräsident Dieter Weisskopf übernimmt interimistisch, bis voraussichtlich im zweiten Quartal 2027 eine dauerhafte Nachfolge gefunden ist. Eine nachvollziehbare Entscheidung, die dem Unternehmen sofortige Handlungsfähigkeit und Kontinuität ermöglicht. Doch der interessante Teil beginnt erst jetzt.
Führung wechseln – Entscheidungsfähigkeit verändern
Ein neuer CEO kann Entscheidungen verändern. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Entscheidungsfähigkeit der Organisation zu verändern.
In anspruchsvollen Unternehmenssituationen erlebe ich immer wieder, dass Veränderungen zunächst über Personen, Strukturen und Programme definiert werden. Ein neues Managementteam, eine angepasste Organisation, ambitioniertere Ziele. All das kann notwendig sein. Doch es reicht nicht, wenn die Mechanismen, die zur schwierigen Situation beigetragen haben, unverändert bleiben.
Unternehmen sind keine Maschinen, die sich durch den Austausch einzelner Komponenten neu einstellen lassen. Sie sind soziale Systeme, geprägt von eingespielten Verhaltensweisen, informellen Entscheidungswegen, Anreizen und einer eigenen Vorstellung davon, was möglich und erwünscht ist. Wer nachhaltig etwas verändern will, muss verstehen, wie dieses System tatsächlich funktioniert. Nicht nur, wie es auf dem Organigramm dargestellt wird.
Gerade deshalb halte ich die Rolle eines Interim-CEO für strategisch unterschätzt. Zu häufig wird sie auf Stabilisierung und Überbrückung reduziert. Dabei liegt ihr eigentlicher Wert darin, in begrenzter Zeit Voraussetzungen zu schaffen, die weit über das Mandat hinauswirken.
Stabilisieren ist notwendig. Zukunftsfähigkeit schaffen ist der eigentliche Auftrag.
Ein wirksames Interim-Mandat beginnt für mich mit drei Fragen: Wo verlieren wir heute Wert? Welche Entscheidungen werden zu spät oder gar nicht getroffen? Und welche organisatorischen Hindernisse verhindern, dass vorhandene Fähigkeiten ihre Wirkung entfalten?
Daraus entstehen konkrete Prioritäten. Transparenz über Ergebnis, Liquidität und operative Leistungsfähigkeit. Eine klare strategische Richtung. Verbindliche Verantwortlichkeiten. Kürzere Entscheidungswege. Und vor allem eine Führungsmannschaft, die nicht auf Anweisungen wartet, sondern selbst Verantwortung übernimmt.
In meinen bisherigen Führungs- und Transformationsaufgaben habe ich erfahren, wie eng wirtschaftliche Leistung und organisatorische Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind. Kosten zu senken oder Prozesse zu optimieren kann kurzfristig Resultate liefern. Nachhaltiger Unternehmenswert entsteht aber erst, wenn Menschen gemeinsam bessere Entscheidungen treffen und Veränderungen auch ohne permanenten Druck von oben weitertragen.
Ein Interim-Mandat muss über sich selbst hinauswirken
Darin liegt für mich auch die besondere Verantwortung eines Interim-CEO: Er darf nicht versuchen, sich unentbehrlich zu machen. Im Gegenteil. Sein Erfolg zeigt sich daran, dass das Unternehmen am Ende des Mandats weniger von einzelnen Personen abhängig ist, über bessere Entscheidungsmechanismen verfügt und der nachfolgenden Führung eine tragfähigere Ausgangslage bietet.
Für Verwaltungsräte bedeutet das, ein Interim-Mandat nicht allein nach seiner Dauer oder der Erfahrung des Kandidaten zu beurteilen. Entscheidend ist der Auftrag: Soll jemand die bestehende Organisation verwalten? Oder soll er ihre Fähigkeit stärken, wieder eigenständig erfolgreich zu handeln?
Über die konkreten internen Herausforderungen bei Lindt & Sprüngli lässt sich von aussen nur begrenzt urteilen. Der Fall illustriert jedoch eine Führungsfrage, die für viele Unternehmen relevant ist.
Der beste Interim-CEO hinterlässt nicht einfach ein stabilisiertes Unternehmen. Sondern eines, das für die nächste Führung besser vorbereitet ist als zuvor.
Vielleicht ist das der wichtigste Massstab für erfolgreiche Interim Leadership: nicht, wie viel während des Mandats verändert wurde, sondern wie viel davon danach Bestand hat.
Executive Takeaway
Ein Führungswechsel schafft die Möglichkeit für Veränderung. Nachhaltige Wertschöpfung entsteht erst, wenn Strategie, Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit in der Organisation verankert werden.
Wie beurteilen Sie das als Verwaltungsrat oder Unternehmensverantwortliche: Sollte ein Interim-CEO in erster Linie Stabilität sichern – oder gezielt Veränderungen vorantreiben, bevor die dauerhafte Nachfolge übernimmt?
Matthias Bucheli
CEO | Strategic Transformation | Value Creation | Leadership



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